Unverhofft
Es kommt, wie es kommen soll
Mit einem erfrischenden Getränk sitze ich auf einer Bergterrasse im Toggenburg und strecke meine nackten Beine in die Sonne. Obwohl es schon langsam kalt geworden ist, ist mir hier oben besonders warm. Beinahe wären meine Freundin und ich gar nicht an diesem Ort gelandet. Nur durch einen Zufall haben wir im letzten Moment erfahren, dass die Seilbahn im Berner Oberland, die wir ursprünglich hätten nehmen wollen, defekt war. Normalerweise hätte eine so kurzfristige Änderung bei mir grossen Stress verursacht, doch irgendwie fühlte sich der neue Plan richtig und stimmig an. Ich konnte nicht einmal sagen, weshalb. Und so bin ich unverhofft zu einer meiner schönsten Erinnerungen im Jahr 2025 gekommen. Kurz vorweg: JA wir hatten Glück und durften eine riesige Herde von Steinböcken anzutreffen.
Unser Ziel war es, eine Nacht mit dem Zelt auf dem Berg zu verbringen, uns ein gutes Abendessen zu kochen und den Sonnenuntergang zu geniessen. Daher peilten wir die zweitletzte Gondel an, und bis dahin genossen wir die verbliebene Zeit auf der Bergterrasse. Oben angekommen, kamen uns noch die letzten Tagestouristen entgegen und erzählten aufgeregt, das sie heute Steinböcke gesichtet hätten. Ein Blick zu meiner Freundin und ich sah, das auch sie vor Aufregung beinahe geplatzt wäre. Zielstrebig liefen wir in die genannte Richtung. Wir steigerten uns bei jedem Stein, der von weitem im entferntesten einem Tier glich, total in die Vorstellung hinein, ebenfalls einen Steinbock zu sehen. Und tatsächlich… da vorne, da hat sich doch was bewegt, oder?



Wir schlichen uns langsam an und lugten immer wieder hinter unserer Deckung hervor, um sie auf keinen Fall zu erschrecken oder womöglich zu verscheuchen. Anmutig und wachsam zog eine Herde von ungefähr 20 Steinböcken an uns vorbei. Die Zeit verging wie im Flug und so bemerkten wir weder, wie die Kälte in unsere Körper kroch, noch wie die Sonne bereits hinter den Horizont sank. Daher mussten wir uns irgendwann von der Herde losreissen, um unser Lager noch rechtzeitig aufbauen zu können.
Noch in Gedanken versunken briet ich den Tofu für unser Pad Thai auf dem Gaskocher, als meine Freundin plötzlich aufschreckte. Der Sonnenuntergang! Wir rannten im letzen Moment den Abhang hinunter und dort blitzen gerade noch die letzten Sonnenstahlen über die Bergkuppe und tauchten die Landschaft in ein Meer aus Gold.


Die Nacht war lange, hart und extrem kalt. Mein ganzer Körper zitterte und ich zählte die Minuten, bis es endlich Morgen werden würde. In so ungemütlichen Nächten frage ich mich jedes Mal, warum ich mir so etwas „antue“. Doch sobald sich die Morgenröte am Horizont blicken lässt, sind alle Gedanken wie fortgeweht. Ein neuer Tag, voller Energie und Möglichkeiten. Genau solche Momente lassen mich grosse Dankbarkeit und Ruhe spüren, für die es sich lohnt, früh aufzustehen und eine gewissen Unbequemlichkeit in kauf zu nehmen. Im Schlafsack eingewickelt sassen wir dann noch vor unserem Zelt, tranken Kaffee und liessen uns von der aufgehenden Sonne erwärmen.



Manchmal braucht es nur eine kleine Planänderung, damit einem das Leben genau dorthin führt, wo wir eigentlich hätten sein sollen. An einen Ort voller Überraschungen und einzigartigen Momenten 🥰🙏🏻
Autor
Géraldine Brönimann