Meine Yoga Reise

Diese habe ich aufgrund der Empfehlung von meinem Papa gebucht. Er war ein Jahr zuvor bereits an diesem Fereienort und hat immer wieder von dieser zauberhaften Kulisse in Adrasan geschwärmt. Einem kleinen türkischen Dörfchen an der lykischen Küste, eingebettet in eine schöne Berglandschaft mit Pinienwäldern und Zitrusbäumen. Als ich aus dem Flughafenshuttle ausgestiegen bin, wurde ich direkt vom Duft von Orangen und Salzwasser eingehüllt und tauchte für eine Woche in einen Mikrokosmos aus Achtsamkeit und Fürsorge. 

Liebevoll gestaltete Wege mit verschiedenen Pflanzen und Blumen verbanden das Haupthaus, die Shalas und die kleinen Wohnhäuser miteinander. Über die ganze Anlage verteilt fanden sich kleine gemütliche Sitzgelegenheiten zum Verweilen und Sein. In der Mitte thronte eine grosse Terrasse mit Meerblick und Pool. Die Woche verging wie im Flug und ich durfte viele spannende Gespräche führen, die Gegend rund um Adrasan erkunden, Zeit für mich nehmen und natürlich viel Yoga machen. 

Jenseits von Rollen

Ein Abend ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Wir sassen alle gemeinsam beim Abendessen und genossen die feinen einheimischen Spezialitäten. Eine der Teilnehmerinnen habe ich bereits am ersten Tag in mein Herz geschlossen, weil sie eine so schöne, offene und liebenswerte Ausstrahlung hatte. Umso überraschter war ich, als ich per Zufall mitbekam, dass sie von ihren zwei Kindern sprach. Normalerweise wäre eine solche Information für mich nichts Spezielles, vor allem da die anderen Gruppenteilnehmerinnen auch schon viel von ihren Familien erzählt haben. Ich fühlte mich seltsam, denn wir haben schon einige Gespräche geführt und trotzdem wusste ich nichts davon. Ich fasste allen Mut zusammen und gestand, dass mir dies bisher noch nicht bewusst war. Sie erzählte mir daraufhin, dass sie hier als Mensch sein möchte und nicht als Mama oder Lehrerin. Lehrerin? Auch das war wieder neu für mich.

Dieses Gespräch liess mich nicht mehr los. Nicht, weil ich weder von ihrer Familie noch von ihrem Beruf wusste, sondern wegen der Aussage: „Ich möchte hier einfach als Mensch sein.“ Ich fand es bewundernswert, dass sie sich nicht mit einer Rolle oder einer Arbeit identifizieren möchte. Denn wenn ich jemand Neues kennenlerne, wird die Frage „Was arbeitest du?“ fast immer von jemandem gestellt. Eigentlich ist diese Frage an sich nicht schlimm oder verwerflich. Sie hilft, Gemeinsamkeiten zu finden, Verbindungen zu knüpfen oder auch einfach als Lückenfüller, wenn beim Small Talk das Thema Wetter schon durchgekaut wurde. Trotzdem frage ich mich: Warum stellen wir uns diese oder so ähnliche Fragen so oft? Weil Rollen und Zugehörigkeiten leichter einzuordnen sind als Persönlichkeiten? Oder weil wir glauben, einen Menschen zu kennen, obwohl wir eigentlich nur seine Rollen kennen?

Bin ich das, was auf meinem LinkedIn-Profil steht? Die Tochter, die Schwester, die Freundin von jemandem? Oder bin ich die Person, die am Wochenende für die nächste Woche vorkocht, gerne tanzen geht, laut über Kleinigkeiten lacht oder manchmal auch an sich zweifelt? Wahrscheinlich bin ich das alles und noch viel mehr. 

Natürlich werde ich auch künftig noch fragen, als was die andere Person arbeitet. Ich werde diese Frage jedoch nicht mehr am Anfang einer Konversation stellen. Nicht weil die Antwort darauf nicht wichtig wäre, sondern weil sie eben nur ein kleiner Teil eines Menschen ist. Ich durfte erfahren, wie viel Verbindung zwischen zwei Menschen entstehen kann, ohne die Familienrolle oder den Beruf des anderen zu kennen. Viel spannender finde ich inzwischen die Fragen, deren Antworten man nicht auf einem Lebenslauf oder einem LinkedIn-Profil findet. Denn vielleicht lernen wir so einen Menschen von einer anderen Perspektive kennen, wenn wir aufhören, nur nach seiner Rolle zu fragen, und anfangen, uns für den Menschen dahinter zu interessieren.

Vielleicht war genau das der eigentliche Sinn dieser Woche. Nicht nur Zeit für sich zu nehmen, sondern sich selbst und anderen Menschen wieder etwas unvoreingenommener begegnen zu können. Ohne Rolle. Ohne Erwartungen. Einfach als Mensch.

Bonus für Catlovers

Auch Katzen waren auf der Anlage willkommen und haben stets für Gute Laune gesorgt! Vor allem dieses freche Kerlchen mit der lustigsten Sitzposition ever 😍

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Autor

Géraldine Brönimann

Beim Lesen wünsche ich ganz viel Freude :)

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