Arvika
Vier Personen, drei Stunden, zwei Kanus und eine Hauptstrasse. Alle, die beim letzten Wort eher einen See oder Fluss erwartet haben: Nein, ich meinte tatsächlich eine Hauptstrasse. Was zwei Kanus dort zu suchen haben, erzähle ich dir gerne in diesem Beitrag.
Vorbereitung
Ich habe für eine mehrtägige Kanutour in Schweden zugesagt, ohne jemals in einem Kanu gesessen zu haben. Ein ehemaliger Arbeitskollege hatte bereits eine ähnliche Tour gemacht und immer wieder davon geschwärmt. Die Vorstellung, eine Woche lang nur mit dem Nötigsten in der Natur zu verbringen, begeisterte mich sofort. Eines führte zum anderen und plötzlich war die Tour gebucht, die fehlenden Gadgets eingekauft und ich stand mit vollgepacktem Rucksack und einer Tasche bereit zum Paddlen.
Getrieben von Abenteuerlust verdrängte ich zunächst alle Gedanken über die bevorstehende Reise. Doch je näher der Start rückte, desto mehr Fragen kamen in mir auf. Bin ich fit genug, um gegen potentielle Wellen anzukämpfen? Habe ich genügend Musse, auch bei Regen draussen zu essen und zu schlafen? Und kann ich meinen inneren Schweinehund überwinden und selbst bei kalten Temperaturen die tägliche «Dusche» im See auf mich nehmen? Ja, genau diese letzte Frage beschäftigte mich tatsächlich am meisten, denn ich bin ein absoluter Warmduscher 😉
Nach einem langen Tag im Auto erreichten wir am Abend Travemünde und fuhren mit der Fähre über Nacht nach Trelleborg. Von dort ging es weiter nach Arvika. Auf dem Campingplatz angekommen, kauften wir im nahegelegenen Supermarkt die letzten frischen Lebensmittel für unsere Tour ein.
Tag 1
Nachdem wir unsere beiden Kanus effizient beladen hatten, konnten wir als erste Gruppe lospaddeln. Keine 30 Sekunden später wurde mir schlagartig bewusst, dass Kanufahren doch nicht ganz so einfach ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich sass hinten und musste somit das Steuern übernehmen. Beinahe wären wir direkt nach dem Start in den nahegelegenen Badestrand gekracht. Mit viel Muskelkraft konnte ich das jedoch verhindern und führte uns im Zickzackkurs hinaus auf den See. Das Kanu meines Arbeitskollegen hingegen glitt schnurgerade über das Wasser. Während er aussah, als würde er an einem Werbeshooting für Kanuferien teilnehmen, kämpfte ich noch damit, überhaupt die richtige Richtung zu halten. Bereits bei unserem ersten Halt war ich komplett erschöpft und fragte mich, wie ich das die nächsten fünf Tage durchhalten sollte. Eine dampfende Nudelsuppe zum Mittagessen und die aufmunternden Worte meiner Kollegen sorgten jedoch dafür, dass der zweite Anlauf deutlich besser verlief.
Gegen Nachmittag endete unsere Fahrt auf dem Glafsfjorden. Um den Varmeln zu erreichen, mussten wir unsere Kanus auf einer mehr als sechs Kilometer langen Landpassage über eine Hauptstrasse transportieren. Im Kanucenter hatte man uns gesagt, dass dieser Abschnitt etwa 30 Minuten dauern würde. Doch bereits nach zehn Minuten war klar, dass diese Schätzung nicht stimmen konnte. Für jedes Kanu hatten wir einen Rollwagen mit zwei Rädern zur Verfügung, sodass wir die Boote mitsamt unserem Gepäck schieben konnten. Da die Strasse jedoch ständig auf und ab führte, musste die vordere Person das Kanu mal anheben, um zu bremsen, und mal nach unten drücken, damit die hintere Person besser schieben konnte. Erschwerend kam hinzu, dass die Autos und Lastwagen mit rund 80 km/h an uns vorbeirauschten. Durch die hohen Bäume waren wir in den Kurven nicht immer gut sichtbar.



Nach einer Stunde mussten wir Bilanz ziehen… wir hatten gerade einmal ein Drittel der Strecke geschafft. Bis zum Varmeln hätten wir es zwar noch vor dem Abend geschafft, doch die Karte zeigte am Anfang von diesem See keine geeignete Stelle für ein Nachtlager. Um eine solche zu erreichen, hätten wir nochmals deutlich länger paddeln müssen. Das war uns für die erste Nacht zu unsicher. Denn wir waren noch nicht mit dem gesamten Equipment vertraut und auch unsere Abläufe waren noch nicht vollständig eingespielt. Deshalb entschieden wir uns, bei der nächsten geeigneten Stelle neben der Strasse zu campieren. Nach zwei oder drei vergeblichen Versuchen fanden wir tatsächlich eine kleine Waldlichtung, auf der wir unsere Zelte aufstellen konnten. Die Kanus stellen wir ganz selbstverständlich neben der Hauptstrasse ab.
Tag 2
Was wir nicht wussten, ganz in der Nähe unseres Nachtlagers befand sich eine Hundestation. So verlief unsere erste Nacht nicht ganz so idyllisch, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Die Hunde veranstalteten nämlich ein regelrechtes Heulkonzert, das sich durch einen grossen Teil der Nacht zog. Viel Zeit, um uns darüber zu ärgern, blieb jedoch nicht, denn am nächsten Morgen stand die zweite Hälfte unserer Landpassage an. Inzwischen hatten wir etwas Übung gesammelt und das Gewicht in den Kanus deutlich geschickter verteilt. Dadurch kamen wir spürbar schneller voran.
Als endlich wieder Wasser in Sicht kam, waren wir alle erleichtert. Auf dem Varmeln angekommen, freuten wir uns alle wieder über das Paddeln. Wir steuerten für unser nächstes Lager mehrere mögliche Plätze an, doch keiner erfüllte unsere Anforderungen. Entweder war die Fläche zu klein bzw. zu uneben oder wir entdeckten weitere Zelte. Aufgrund ihrer Tarnfarben waren diese aus der Distanz kaum erkennbar. Wenn schon Kanuabenteuer, dann wollten wir eine eigene Insel haben oder zumindest genügend Platz, um die Ruhe der Natur wirklich geniessen zu können. Gegen Abend fanden wir schliesslich eine winzige Insel, die genau unseren Vorstellungen entsprach. Dort richteten wir uns gemütlich ein und liessen den Tag bei einem grossen Lagerfeuer ausklingen.


Tag 3 & 4
Am dritten Tag waren wir so erschöpft, dass wir spontan beschlossen haben, noch eine weitere Nacht auf unserer kleinen eroberten Insel zu verbringen. Zwei Personen aus unserer Gruppe paddelten nach Edane, um einige Snacks einzukaufen. Ich blieb mit einer Kollegin zurück und wir bereiteten unser Lager wetterfest vor. Gemäss Wetterbericht war die Wahrscheinlichkeit für Regen relativ hoch. Zum Glück trieb der kräftige Wind die dunklen Wolken schnell weiter, sodass uns nur wenige Tropfen erreichten.
Der restliche Nachmittag verlief herrlich entspannt. Jede und jeder suchte sich auf der Insel ein ruhiges Plätzchen, um etwas Zeit für sich allein zu geniessen. Ich machte es mir auf einem moosbewachsenen Felsen bequem und gönnte mir den Luxus, meine Lieblingslieder zu hören. Bis dahin hatte ich mein Handy nur benutzt, um die Karte zu antzsehen oder Fotos zu machen. Internet, Nachrichten und sämtliche Mitteilungen hatte ich bewusst ausgeschaltet, weil ich vollständig in diese Natur eintauchen wollte.
Später trafen wir uns wieder am Lagerfeuer und buken Schlangenbrot über den Flammen. Während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand, genossen wir die Ruhe, das Knistern des Feuers und das Gefühl, für ein paar Tage der Hektik des Alltags entfliehen zu können.



Was ebenfalls fantastisch war, war das Essen. Mein Arbeitskollege hatte jede Mahlzeit akribisch geplant und so abwechslungsreich gestaltet, als würden wir jedesmal in einem anderen Restaurant essen. Es gab Risotto, Fajitas, Gemüsecurry und vieles mehr. Auch beim Frühstück mussten wir auf nichts verzichten. Neben Porridge hatte er Griessbrei, süsse Snacks und verschiedene Früchte eingeplant. Ich war erstaubt, wie viel Abwechslung mitten in der Natur auf den Teller gezaubert werdne kann.


Am Morgen des vierten Tages machten wir uns früh auf den Weg. Einerseits mussten wir wieder zurück zum Anfang des Sees paddeln, die Landpassage nochmals überstehen und danach noch einige Kilometer auf den Glafsfjorden zurücklegen. Denn wir hatten ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen. Schon am ersten Tag war uns eine herzige kleine Insel ins Auge gestochen. Für unseren letzten Abend konnten wir uns keinen schöneren Ort vorstellen als genau diesen Spot.
Meines Erachtens wurden wir auf dieser Insel auch mit dem schönsten Sonnenuntergang der ganzen Reise belohnt. Und ja, wir konnten unseren ambitionierten Plan durchziehen und uns am gewünschten Spot niederlassen. Fast schon kitschig senkte sich die Sonne über das Wasser und tauchte die Landschaft in goldenes Licht. Unser Zelt und das Kanu leuchteten in warmen Farben, während die letzten Sonnenstrahlen langsam hinter dem Horizont verschwanden. In solchen Momenten wurde mir bewusst, weshalb sich die Anstrengungen der vergangenen Tage gelohnt hatten. Die langen Paddelstrecken, die ungeplante Kanuwanderung entlang der Hauptstrasse, die kalten Bäder im See und die Nächte im Zelt gehörten plötzlich einfach dazu. Genau diese Erlebnisse machten die Reise zu etwas Besonderem.


Tag 5
Am fünften und letzten Tag machten wir uns schliesslich auf den Rückweg zum Kanucenter. Nach vier Tagen auf dem Wasser merkte ich die vergangenen Etappen deutlich. Vor allem mein Rücken machte sich bemerkbar, und auch eine aufkommende Erkältung kündigte sich langsam an. Die letzten Kilometer kosteten mich daher nochmals richtig viel Kraft. Trotzdem paddelte ich Meter für Meter unserem Ziel entgegen. Als das Kanucenter endlich in Sichtweite kam, war die Freude entsprechend gross. Wir hatten die Tour geschafft, gemeinsam zahlreiche Kilometer zurückgelegt und dabei unzählige Erinnerungen gesammelt.
Zur Belohnung gönnten wir uns anschliessend etwas, das kaum gegensätzlicher zu den vergangenen Tagen hätte sein können… einen Besuch bei McDonald’s. Nach fünf Tagen Lagerfeuer, Campingküche und Natur pur sassen wir plötzlich mit Burgern und Pommes in einem Fast-Food-Restaurant und liessen uns jeden Bissen schmecken. Ende 😉
Die Tour

Diese Karte dient lediglich zur groben Orientierung und Veranschaulichung unserer Route. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder exakte Darstellung.
Autor
geraldine.broenimann@icloud.com